Buch

Rechte Gefühle. Affekte und Strategien des digitalen Faschismus

In seinem 2021 erschienenen Buch Rechte Gefühle. Affekte und Strategien des digitalen Faschismus beschäftigt sich Simon Strick mit den emotionalen und medialen Dynamiken des digitalen Faschismus. Dabei hinterfragt er die Vorstellung, rechte Ideologien würden sich ausschließlich in abgeschlossenen, gesellschaftlich isolierten Räumen des Internets verbreiten. Vielmehr zeigt er, dass rechte Akteur*innen sowohl online als auch im analogen Alltag präsent sind und gezielt versuchen, öffentliche Aufmerksamkeit und politische Deutungsmacht zu gewinnen. Im Zentrum seiner Untersuchung steht die These, dass Gefühle und Affekte eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung und Stabilisierung rechter Ideologien spielen.¹

Strick verwendet den Begriff der „Alternativen Rechten“ kritisch, da es sich um eine Eigenbezeichnung handelt, die eine Verharmlosung rechtsextremer Ideologien begünstigen kann. Er beschreibt rechte Bewegungen als digital und analog gut vernetzt, die unterschiedliche gesellschaftliche Themen aufgreifen und dadurch in öffentliche Diskurse eingreifen. Plattformen wie YouTube, Twitter, Telegram oder 4chan sind dabei nicht als abgeschlossene Räume zu verstehen, sondern als zugängliche Bestandteile einer alltäglichen Medienlandschaft. Die Rechte gewinnt in diesen Räumen vor allem Aufmerksamkeit, die sie für ihre politische Kommunikation und Mobilisierung nutzt.²

Ein wesentlicher Schwerpunkt des Buches liegt auf der Bedeutung von Emotionen für rechte Agitation und die Rolle von Geschlecht innerhalb dieser. Strick versteht Faschismus nicht allein als feststehende Ideologie, sondern auch als affektive Struktur und Gefühlswelt. Rechte Kommunikation setzt demnach häufig bei alltäglichen Wahrnehmungen, Unsicherheiten und diffusen Befindlichkeiten an. Diese werden aufgegriffen, emotional aufgeladen und schließlich in umfassendere Weltdeutungen überführt. Rechte Agitation ist deshalb für Strick kein bloßer spontaner Reflex auf gesellschaftlichen Wandel, sondern ein komplexer diskursiver Prozess, in dem kleine Affekte zu politisch wirksamen Emotionen verdichtet werden.³

Besonders deutlich wird dieser Mechanismus in der sogenannten mikrologischen Agitation, die Strick anhand digitaler Kommunikationsformen untersucht. Rechte Inhalte knüpfen an alltägliche Erfahrungen an und verleihen ihnen durch ideologische Deutungen eine politische Bedeutung. Memes, vermeintlich harmlose Witze oder scheinbar individuelle Meinungsäußerungen können dabei als Einstieg in rechte Weltbilder dienen. So werden beispielsweise rassistische oder antifeministische Positionen in Formen verpackt, die zunächst weniger eindeutig als politische Propaganda erkennbar sind. Soziale Medien eignen sich laut Strick besonders für diese kleinteilige Ansprache, da sie persönliche Reaktionen, Likes, Dislikes und geteilte Inhalte unmittelbar mit der Bildung von Gemeinschaften und Gefühlswelten verbinden.⁴

Eine zentrale Rolle spielt dabei das Geschlecht. Strick beschreibt, wie rechte Akteur*innen Männlichkeit und bestimmte Weiblichkeitsvorstellungen als bedrohte Positionen darstellen. Aus gesellschaftlichen Veränderungen werden Erzählungen über einen vermeintlichen „Krieg gegen die Männer“ oder eine Gefährdung biologischer und geschlechtlicher Ordnung entwickelt. Dabei werden persönliche Erfahrungen und Befindlichkeiten politisch umgedeutet. Die rechte Bewegung greift somit die feministische Einsicht auf, dass das Private politisch ist, wendet sie jedoch gegen deren ursprüngliche emanzipatorische Zielsetzung. Geschlecht wird dadurch zu einem wichtigen Ausgangspunkt rechter Mobilisierung.⁵

Im weiteren Verlauf entwickelt Strick den Begriff des „reflexiven Faschismus“. Damit beschreibt er eine Form des Faschismus, die nicht einfach historische Ideologien wiederholt, sondern sich flexibel an gegenwärtige gesellschaftliche Bedingungen und mediale Ausdrucksformen anpasst. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden dabei miteinander vermischt. Memes können beispielsweise historische Symbole mit gegenwärtigen popkulturellen Motiven verbinden und dadurch neue Formen der Identifikation und Mobilisierung erzeugen. Auch koloniale Erfahrungen werden von rechten Akteur*innen aufgegriffen und mit einer vermeintlichen Bedrohung weißer Menschen verknüpft. Strick zeigt, wie dadurch ein Gefühl der Ausgrenzung und Unterdrückung konstruiert wird, das rassistische Positionen als vermeintliche Selbstverteidigung erscheinen lässt.⁶

Zusammenfassend macht Rechte Gefühle deutlich, dass Rechtsextremismus nicht ausschließlich über offen erkennbare politische Programme oder historische Kontinuitäten verstanden werden kann. Entscheidend sind auch alltägliche Kommunikationsformen, emotionale Ansprachen und die gezielte Umdeutung gesellschaftlicher Erfahrungen. Stricks Ansatz eröffnet damit eine Perspektive auf die subtilen Prozesse, durch die rechte Ideologien im digitalen Alltag anschlussfähig werden. Besonders prägnant ist dabei die Verbindung von Affekttheorie, Geschlechterverhältnissen und digitaler Medienkultur. Das Buch lenkt den Blick auf jene scheinbar kleinen und banalen Momente, in denen politische Weltbilder entstehen und sich verfestigen können. Es zeigt, weshalb eine Auseinandersetzung mit digitalem Faschismus nicht bei einzelnen Plattformen oder rechtsextremen Aussagen stehen bleiben sollte, sondern auch die emotionalen und gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Verbreitung berücksichtigen muss.

Zum Buch

 

Bemerkungen

Fußnoten:

  1. Rechte Gefühle: Affekte und Strategien des digitalen Faschismus (2021) von Simon Strick, 22.
  2. Strick, Rechte Gefühle, 18–33.
  3. Strick, Rechte Gefühle, 61–62.
  4. Strick, Rechte Gefühle, 55–81.
  5. Strick, Rechte Gefühle, 86–87.
  6. Strick, Rechte Gefühle, 105–25.
Didaktische Hinweise

Das Buch eignet sich hervorragend, um die Medienstrategien und Kampagnen von rechten und rechtsextremen Akteuren zu verstehen. Einzelne Elemente lassen sich auch gut in Workshopformate integrieren.

Related Medias