Rechte Frauen - weiblich, national, radikal
Die Dokumentarfilmerin Nicola Graf hat mit ihrer eindrücklichen Dokumentation die rechtsextremen Politikerinnen, Giorgia Meloni, Marine Le Pen und Alice Weidel unter die Lupe genommen. Der Film zeigt, wie Modernisierungsprozesse und Verharmlosungsstrategien rechtsextremen Frauen in rechtsextremen Parteien dabei helfen, harte und menschenfeindliche Ideologie populär zu machen.
Frauen wie Alice Weidel, Marine Le Pen und Giorgia Meloni übernehmen zunehmend sichtbare Führungspositionen in rechtsextremen Parteien. Doch bedeutet diese Entwicklung eine inhaltliche Abkehr ihrer menschenfeindlichen Ideologie? Die ZDF-Dokumentation Rechte Frauen – Weiblich, national, radikal und ein Artikel auf Belltower.News aus dem Jahr 2025 über Alice Weidel zeigen, wie weibliche Führungspersonen und veränderte öffentliche Inszenierungen zur politischen Strategie rechtsextremer Parteien beitragen können.
Modernisierungserscheinungen, insbesondere im äußeren Erscheinungsbild, waren bereits in den 1990er-Jahren zu beobachten und wurden als Anpassung an gesellschaftliche Veränderungen eingeordnet. Gleichzeitig sind sie eine Strategie: Frauen waren in rechten Parteien schon immer aktiv, wurden jedoch häufig als weniger radikal, harmloser oder unpolitischer wahrgenommen. Diese „doppelte Unsichtbarkeit“ kann dazu beitragen, dass ihre politische Rolle unterschätzt wird. Weibliche Führungspersonen schaffen zudem Identifikationsangebote und können helfen, insbesondere die bürgerliche Mitte anzusprechen. Marine Le Pens Erfolg dient dabei als Vorbild für andere rechte Politikerinnen.
An der politischen Grundausrichtung ändert die weibliche Repräsentation jedoch wenig. Antifeminismus, rassistische Positionen sowie die grundlegende Ablehnung von Gleichstellung, Selbstbestimmung und Queerness bleiben zentrale Bestandteile rechter und rechtsextremer Politik. Frauenrechte und der Schutz von Frauen und Kindern werden häufig aufgegriffen, um bestimmte gesellschaftliche Gruppen anzusprechen. Dabei werden Themen wie sexualisierte Gewalt teilweise ethnisiert und für rassistische oder antimuslimische Erzählungen instrumentalisiert. Auch Transfeindlichkeit wird häufig genutzt um mittels vermeintlichem „Frauenschutz“ gesellschaftliche Anschlussfähigkeit herzustellen.
Gleichzeitig vertreten diese Parteien rückwärtsgewandte Geschlechterrollen: Frauen werden vor allem als Mütter, Ehefrauen und Verantwortliche für Familie und Erziehung verstanden. Die vermeintliche Gleichstellung durch weibliche Führung steht somit im Widerspruch zu einer Politik, die feministische Errungenschaften nicht nur infrage stellt, sondern bekämpft. Es handelt sich daher nicht automatisch um Gleichstellungspolitik, sondern häufig um eine selektive, ausgrenzende Vereinnahmung von Frauenthemen.
Giorgia Meloni und Fratelli d’Italia verdeutlichen diese Verbindung von weiblicher Führung und nationalkonservativer Politik. Wie der Tagesspiegel 2022 berichtete, vertritt Meloni ein traditionelles Familienbild, eine restriktive Migrationspolitik und Vorstellungen eines christlich-konservativen Europas. Ihre Bezugnahme auf „Gott, Familie, Vaterland“ unterstreicht dieses politische Selbstverständnis.
Warum gewinnen solche Parteien dennoch Unterstützung? Besonders in Krisenzeiten können sie soziale Unsicherheiten aufgreifen, einfache Lösungsversprechen formulieren und sich als Stimme des vermeintlichen Volkes präsentieren. Wahlerfolge bedeuten jedoch nicht automatisch einen demokratischen Fortschritt.
Entscheidend ist daher, weibliche Repräsentation nicht mit feministischer oder demokratischer Politik gleichzusetzen, sondern ihre Gefahr für eine demokratische Gesellschaft ernst zu nehmen. Eine modernisierte Außendarstellung kann rechtsextreme Ideologien anschlussfähiger machen, ohne ihre ausgrenzenden und antifeministischen Inhalte zu überwinden.
Quellen
- Braune Schwestern? Feministische Analysen zu Frauen in der extremen Rechten. vom Antifaschistischen Frauennetzwerk/ Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus (2005)
- Rechtsextreme Frauen – Analysen und Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit und Pädagogik von Esther Lehnert und Heike Radvan (2016)
Besonders lernwirksam wird die Reportage, wenn sich nicht nur angeschaut wird, was die Politikerinnen vertreten, sondern auch wie sie ihre Botschaften vermitteln und wie die Dokumentation selbst diese Botschaften einordnet.